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Religiöse Fundamentalisten haben die Politiker im Griff

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Leserbrief an die Stuttgarter Zeitung zum Abstimmungsverhalten der Abgeordneten des deutschen Bundestags.
Von Werner Koch.

Referenz: Stuttgarter Zeitung 9. Januar 2013, Seite1, „Dunkler Fleck auf grüner Weste“
Referenz: Stuttgarter Zeitung 2. Januar 2013, Seite 3, „Grüner spottet über Juden“

Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion der Stuttgarter Zeitung. Anbei ein Leserbrief.

Ich war entsetzt, dass die Abgeordneten aus meinen Wahlkreis dem überhasteten Gesetz zugestimmt haben, das eine Beschneidung von Säuglingen und Kindern aus religiösen Motiven erlaubt. Siehe das aufschlussreich Ergebnis der namentlichen Abstimmung [5]. Das Ergebnis bedeutet eine Zustimmung von 75% der Bundestagsabgeordneten! Ute Vogt, Ute Kumpf, Karin Roth, alle SPD, waren erfreuliche Ausnahmen, die mit Nein abgestimmt haben.

Kürzlich hat eine repräsentative Umfrage von Infratest dimap ergeben, dass 70 Prozent der deutschen Bevölkerung das Beschneidungsgesetz kategorisch ablehnen [3]! Auch in Israel entscheiden sich immer mehr Eltern gegen eine Säuglingsbeschneidung.

Kirchenvertreter aller abrahamitischen Religionen haben Parteien, Politiker, Medien beeinflusst um ein mögliches Beschneidungsverbot als Angriff auf die Religionsfreiheit aufzubauschen.

Die Art, wie das Beschneidungsgesetz zustande gekommen ist, die Ignoranz der Politik gegenüber Kinderrechten und nicht zuletzt die Einflussnahme bestimmter religiöser Gruppen hat viele Menschen erschreckt.
In einem Interview mit dem Rechtswissenschaftler Holm Putzke, dem „geistigen Vater“ des Kölner Beschneidungsurteils, hat Prof. Putzke das überhastete Vorgehen der Politik kritisch betrachtet. Er hat die Erwartung, dass sich die Menschen in einigen Jahren an den Kopf fassen und fragen werden, „welcher Teufel den Gesetzgeber geritten hat, die körperliche Unversehrtheit von Kindern und ihr Selbstbestimmungsrecht derart mit Füßen zu treten.“ [2]
Archaische Rituale kann man ändern und hat man immer wieder geändert (z. B. wurde der Brauch der hinduistischen Witwenverbrennung abgeschafft), aber fundamentalistische Kirchenvertreter wehren sich eben mit allen Mitteln. So wird Druck auf die Politiker ausgeübt, ebenso wie Gruppendruck innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft, um sich gegen Diskussionen und Veränderungen zu stemmen.

Angeblich wäre jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr möglich. Laut Thora folgt auf die zwingende Beschneidung zur Besiegelung des Bundes mit Gott direkt nachfolgend, dass Unbeschnittene ausgerottet werden müssen – zum Glück für die (unbeschnittenen) Juden gilt dieser Satzteil nicht mehr als Teil der jüdischen Identität…..

Mit derselben Argumentation wäre muslimisches Leben in Deutschland auch nicht möglich, wenn sie nicht ihre eigene Gesetzgebung zugestanden bekommen, basierend auf der Scharia.

Die Beschneidungsdiskussion zeigte, wie sehr in Deutschland ein Klüngel zwischen Politikern und Kirchenvertretern besteht. Man unterstützt sich gegenseitig und wohlwollend.

Dass ein Beschneidungsgegner und Landtagskandidat der Grünen so schnell zum Rückzug gedrängt wurde, ist bedauerlich und für mich ein Symptom unserer kirchenfreundlichen Politik(er). Die Menschen wenden sich von den Kirchen ab und konfessionsfreie werden zur Mehrheit, ohne dass die Politik dies zu Kenntnis nehmen will. Religionskundeunterricht in den Schulen wäre ein Beitrag zur Integration, stattdessen sind auch die christlichen Kirchen für die zusätzliche Einführung des islamischen Religionsunterrichts. Das nützt den christlichen Kirchen mehr als die Abschaffung des Religionsunterrichts.

Die Trennung von Kirche und Staat, die Abschaffung der kirchlichen Privilegien, Subventionen (z. B. die Dotierung der Höheren Geistlichkeit) und Ausnahmegenehmigungen (z. B. das kirchliche Arbeitsrecht) wäre angebracht. Damit das nicht passiert wachen die Kirchenvertreter über ihre Pfründe und über die Parteien und politischen Vertreter.

Die politischen Vertreter, die der Kirchenlobby nicht gefallen, kann man manchmal leicht zu Fall bringen. Ulf Dunkel ist ein Beispiel. Das beherrschen die Kirchenvertreter mit ihrem strategischen Weitblick in der Regel besser als die vom Bürger gewählten Abgeordneten. Nur so kann man erklären, dass der Verfassungsauftrag der Weimarer Verfassung zur Vollendung der Trennung von Kirche und Staat in Deutschland nie vollendet wurde.

Mir hat das Gedicht von Ulf Dunkel gut gefallen. Für eine zusätzliche Wortentgleisung (A….-Wort) hätte eine Entschuldigung gereicht.

Insbesondere der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, hat auf Äußerungen von Ulf Dunkel mit Empörung reagiert und seinen Rückzug gefordert. Der Grünen-Kandidat wurde anscheinend heftig angegriffen und ist an den Pranger gestellt worden, samt telefonischer Morddrohungen [1].

Dass es gleich zu Morddrohungen kommt, ist symptomatisch für religiöse Debatten mit Leuten die die Bibel, den Koran, und die Thora kennen und aus diesen Texten diese blutrünstigen Methoden anscheinend übernommen haben. Siehe Beispiel oben („ausrotten“).

Eine solche Vorgehensweise der kirchenfreundlichen Politiker und der Kirchenvertreter ist entlarvend und ein Desaster für die Demokratie und das Rechtsempfinden der Bevölkerung – und zeigt wie schwer es für die zunehmend konfessionsfreie Bevölkerung ist, ihre Interessen an einer Trennung von Kirche und Staat voranzubringen.

Referenzen
[1] http://www.derwesten.de/politik/beschneidungsdebatte-ulf-dunkel-will-auf... „Den Gesetzgeber hat der Teufel geritten“ Prof. Dr. Holm Putzke, http://hpd.de/node/14709
[3] Infratest-Umfrage „Mehrheit der Deutschen gegen das Beschneidungsgesetz“ http://www.spiegel.de/politik/deutschland/studie-mehrheit-der-deutschen-...
[4] MOGIS e.V. „Große Mehrheit der Bevölkerung lehnt Beschneidungsgesetz ab“ http://mogis-verein.de/2012/12/22/mehrheit-der-bevoelkerung-lehnt-beschn...
[5] 12.12.2012: Beschneidung, Gesetzentwurf der Bundesregierung (17/11295)
pdf-Datei (143 KB) Excel-Datei(119 KB)
http://www.bundestag.de/bundestag/plenum/abstimmung/2012/20121212_5.pdf
http://www.bundestag.de/bundestag/plenum/abstimmung/2012/20121212_4_xls.xls

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